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07

Nov

2008

Rettungswagen mit Verspätung bei Patientin

Günter Gernandt fühlt sich wie in einem schlechten Film. Er mag gar nicht richtig glauben, was da am 20. August passiert ist. Seine 88 Jahre alte Mutter hatte einen Rettungswagen gerufen - aber der kam erst nach mehr als eineinhalb Stunden. "Ein völlig verunglückter Rettungseinsatz", schimpft Gernandt, der jetzt mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit gegangen ist. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Mannheim, das für die Fahrt zuständig war, bedauert das Versagen. "Das kann nicht in unserem Sinn sein", sagt Rettungsdienstleiter Kurt Gramlich.

 

Unbewohnter Waldweg

 

Es ist ein Abend, an dem offenbar alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Gernandts Mutter, die zwei Tage zuvor schwer gestürzt ist, wird schwindlig. Ihr Kopf schmerzt, das Atmen fällt ihr schwer. Um 22.29 Uhr drückt sie ihren Hausnotruf. Der dortige Mitarbeiter spricht mit der Seniorin, stellt dabei fest, dass es sich nicht um einen dringenden Notfalleinsatz mit Blaulicht handelt. Er fordert aber dennoch um 22.38 Uhr bei der Rettungsleitstelle in Ladenburg einen Wagen an. So weit, so korrekt.

Dieser Rettungswagen des DRK startet - wie angefordert ohne Blaulicht - im Parkring. Er fährt dann aber nicht zum Carl-Reiß-Platz an der Augustaanlage, wo die Seniorin wohnt, sondern in den Carl-Reiß-Weg - ein unbewohntes Sträßchen im Waldpark auf dem Lindenhof. Inzwischen sind weitere Anrufe aus der Wohnung der Seniorin bei der Leitstelle eingegangen, die Adresse ist korrigiert. Die Retter kommen schließlich am Carl-Reiß-Platz an, können dort aber die genannte Hausnummer nicht finden. Der Carl-Reiß-Platz geht nach Norden von der Augustaanlage ab, aber auch südlich stehen ein paar Häuser - in einem davon wohnt die Seniorin. Es ist 0.15 Uhr, als der Wagen endlich eintrifft.

 

Hilfe durch ein Navi?

 

Die 88-Jährige kommt ins Krankenhaus, dort stirbt sie zwei Tage später an einer Hirnblutung - eine Folge ihres Sturzes. Der zu spät gekommene Rettungswagen trägt keine Schuld daran, wie der Sohn ausdrücklich betont. "Aber ich will andere vor solch dilettantischen Einsätzen bewahren. Was ist, wenn es tatsächlich mal um Minuten geht - etwa nach einem Herzinfarkt?"

"Da sind gleich mehrere Fehler zusammenkommen", erklärt DRK-Rettungsdienstleiter Gramlich: Fehler Nummer eins: Der Mitarbeiter in der Rettungsleitstelle hat die falsche Adresse aufgenommen, aus dem Carl-Reiß-Platz wurde der Carl-Reiß-Weg. Fehler Nummer zwei: Die Besatzung hat mit über 20 Minuten viel zu lange am Carl-Reiß-Weg nach einem Haus gesucht. Und als die Retter endlich am Carl-Reiß-Platz waren, wussten sie - drittens - unglücklicherweise nicht, dass es auf beiden Seiten der Augustaanlage Gebäude mit dieser Adresse gibt.

Wäre da nicht ein Navigationsgerät nötig? Gramlich sagt nein. "Bei der Suche nach der richtigen Hausnummer hätte es auch nicht helfen können. Und auch bei der Eingabe einer falschen Adresse sind die Geräte machtlos." Letzteres stimmt zwar, aber zumindest Navigationsgeräte neueren Datums lotsen auch zielgenau direkt zu einer Hausnummer.

Wer einen Rettungswagen fährt, muss bei den Rettungsdienstbetreibern eine Prüfung über seine Ortskenntnisse ablegen. Darin will man beim DRK nun auf Besonderheiten wie die Anordnung der Häuser am Carl-Reiß-Platz noch mehr wert legen. Bei einem Notfall-Einsatz mit Blaulicht aber schließt Rettungsdienst-Leiter Gramlich eine solche Panne aus. Denn dann werde neben einem Rettungswagen auch ein Notarzt angefordert. "Die Wahrscheinlichkeit, dass beide das Ziel nicht finden, ist schon sehr gering."

 

 

Mannheimer Morgen
07. November 2008

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